100.000 Gartisbücher
Ich kenne die Stadt meiner ersten elf Jahre schlecht. Mit dem Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht, und schon vor dem Judenstern war alles Erdenkliche für Juden geschlossen, verboten, nicht zugänglich. Juden und Hunde waren allerorten unerwünscht, und wenn man doch einen Laib Brot kaufen mußte, dann betrat man den Laden an dem Schild vorbei, auf dem zu lesen war: »Trittst als Deutscher du hier ein, / Soll dein Gruß Heil Hitler sein.« Kleinlautes »Grüß Gott« meinerseits, die Bäckerin grußlos, nur ein grobes »Was willst du?« Ich war immer erleichtert, wenn die beiden schlichten Grußworte auf ein Echo stießen und meinte, wohl mit Recht, es läge auf arischer Seite ein leiser, aber deutlicher Protest darin, etwa: »In Gottes Hand begeb ich mich, nicht in Hitlers«.
Was alle älteren Kinder in der Verwandtschaft und Bekanntschaft gelernt und getan hatten, als sie in meinem Alter waren, konnte ich nicht lernen und tun, so im Dianabad schwimmen, mit Freundinnen ins Urania-Kino gehen oder Schlittschuh laufen. Schwimmen hab ich nach dem Krieg in der Donau gelernt, bevor sie verseucht war; aber nicht bei Wien, auch Fahrrad fahren anderswo, und Schlittschuhlaufen nie. Letzteres hat mir besonders leid getan, denn ich hatte es gerade ein paarmal wackelnd ausprobiert, da war es aus damit. Sprechen und lesen kann ich von Wien her, sonst wenig. An judenfeindlichen Schildern hab ich die ersten Lesekenntnisse und die ersten Überlegenheitsgefühle geübt. Jüngere als mich gab es zufällig nicht in diesem Kreis, ich war die Jüngste und daher die einzige, die nicht in ein sich erweiterndes Leben hineinwachsen konnte, die einzige, die nicht im Dianabad schwimmen lernte, und die einzige, die die österreichische Landschaft nur den Namen nach kannte: Semmering, Vorarlberg, Wolfgangsee. Namen, die vom Nichtkennen her noch idyllischer wurden. Wie eine volle Generation lag es zwischen mir und den Cousins und Cousinen und noch heute zwischen mir und den Exulanten aus Wien, die sich dort einmal frei bewegt haben. Alle, die nur ein paar Jahre älter waren, haben ein anderes Wien erlebt als ich, die schon mit sieben auf keiner Parkbank sitzen und sich dafür zum auserwählten Volke zählen durfte. Wien ist die Stadt, aus der mir die Flucht nicht gelang.
Dieses Wien, aus dem mir die Flucht nicht geglückt ist, war ein Gefängnis, mein erstes, in dem ewig von Flucht, das heißt vom Auswandern, die Rede war. Ich sah uns sozusagen immer auf dem Sprung und im Begriff abzureisen, mit gepackten Koffern eher als für die nächsten Jahre gemütlich eingerichtet. Ich konnte mir daher auch keine Gewohnheiten leisten, und wenn ich mich langfristig auf etwas freuen wollte, wie zum Beispiel auf das kontinuierliche Lesen der Kinderzeitschriften ›Der Schmetterling‹ und ›Der Papagei‹, so korrigierte ich diese Vorfreude gleich mit der Hoffnung, noch vor der übernächsten Nummer in einem anderen Land zu sein.
Ich war im September 1937 eingeschult worden, kurz vor meinem sechsten Geburtstag, ein halbes Jahr vor Hitlers Einmarsch. Vorher war wenig, außerhalb der Familie. Einmal sind wir im Auto nach Italien gefahren, auf Sommerfrische, und als wir über der Grenze waren, mußten wir auf der anderen Straßenseite weiter, wie komisch, denn in Österreich fuhr man bis Hitler auf der linken Seite. Damals gab es noch keinen Stau auf den Landstraßen, und als weiter südlich auf einer einsamen, staubigen Straße ein Auto mit dem Kennzeichen Österreichs an uns vorbeifuhr, haben wir alle wie die Irren gewinkt. Und die haben ebenso zurückgewinkt. Aber die kennen wir nicht. Zu Haus hätten wir denen nicht gewinkt. Ich war entzückt von der Entdeckung, daß Fremde in der Fremde sich begrüßen, weil sie anderswo zur selben Gemeinschaft gehören. Ich bin aus Österreich (wo man auf der richtigen Straßenseite fährt und deutsch spricht). Das stimmt, das gilt, das ist, wie mir hier in Italien aufgeht, ein Satz, der mich beschreibt. Ich sollte bald eines Besseren belehrt werden, aber nicht sogleich.
Als ich nach dem ersten Schultag aus dem Schultor kam, wo alle Eltern zu ihren Kindern drängten, sah ich meinen Vater zunächst gar nicht. Er stand ganz hinten, angelehnt an ein Gitter, noch keine vierzig war er damals. Mein Gott, ich bin so viel älter geworden als er je war. Als ich ihn vorwurfsvoll fragte, warum so weit vom Eingang, denn mir waren ja schon die Tränen gekommen, weil niemand mich abholte, erwiderte er: »Warum sich drängen? Wir hab’n ja nix zu versäumen.« Da schien er mir der Vornehmste von allen, und die anderen Eltern mit ihren Ellbogen waren ordinär. Ich nahm ihm versöhnt das Stanitzel, österreichisch für Tüte, mit den Bonbons ab, legte meine Hand in seine und ging sehr zufrieden mit ihm nach Hause.
Ungefähr ein Jahr später gingen wir wieder Hand in Hand durch die Straßen. Wir wohnten im 7. Bezirk, Neubau. Es war im November ’38. Auf der Mariahilferstraße hat er mir die zerbrochenen Fenster der Geschäfte gezeigt, fast schweigend, nur immer mit kurzen Hinweisen: »Da kann man jetzt nicht mehr einkaufen. Das ist geschlossen, du siehst ja. Warum? Die Leut, denen das gehört, sind Juden wie wir. Darum.« Ich, voller Schreck und Neugier, hätte gern weitere Fragen gestellt, und gleichzeitig spürte ich, daß er vielleicht selbst nicht weiter wußte, und prägte mir das Gesagte ein. (Siehst du, ich weiß es noch.)
Ich hab zwei Photos von ihm, das eine ist auf seinem Studentenausweis, da sieht er jung und draufgängerisch aus. Das war die Zeit, als er um meine Mutter warb, er ein mittelloser Medizinstudent, in einer Stadt, wo es zu viele Ärzte gab, und sie die Tochter eines wohlhabenden Ingenieurs und Fabrikdirektors. Ihr Vater gab sie dann auch einem anderen, einer besseren Partie. Aus den Büchern von Arthur Schnitzler, der zehn Tage vor meiner Geburt in Wien gestorben ist (das ist mir wichtig, er ist ein Ahnherr, ich denk mir, der hat mir sein Wien vermacht), weiß ich gewissermaßen mehr über meine Eltern als aus der Erinnerung. Der »andere« war ein Langweiler, ein Pedant und geizig, so die Familientradition. Meine Eltern, junge Menschen aus Arthur Schnitzlers Welt, der Student und die Frau des geizigen Pedanten, hatten eine Liebesaffäre, die sich zwischen Wien und Prag abspielte, zwei Städte, zwischen denen man damals leicht hin- und herpendeln konnte, und nachher nicht mehr, und erst sozusagen seit vorgestern wieder. Eine unerreichbare Stadt schien mir Prag, einige Jahre später, nur von den Beschreibungen meiner Mutter bekannt, als es galt, ihren Sohn, meinen Halbbruder Jifii, auf deutsch Georg, auf österreichisch Schorschi, von Wien aus in Prag abzuholen. Was nicht gelang.
Meine Mutter ließ sich scheiden, ein ungewöhnlicher Schritt, ihr Vater verzieh ihr und versorgte sie noch für die zweite Ehe. Mein Bruder, das Kind dieser Schnitzlernovelle mit Werfelschem oder Zweigschem Einschlag, kam also von Prag nach Wien mit unserer Mutter, die nun endlich ein paar Jahre lang das haben sollte, was sie sich gewünscht hatte, den feschen Medizinstudenten aus armer Familie, diese eher von Joseph Roth, neun Kinder, die Mutter Witwe. Er, mein Vater, das siebte Kind und der einzige, der studiert hatte, war inzwischen Arzt geworden, jetzt bekam er noch eine Frau mit Mitgift dazu, nach einem Jahr ein Kind. Zwar ein Mädchen, aber immerhin. Es ging ihnen gut.
Mein Gedächtnis setzt ein. Mein Halbbruder, der sechs Jahre älter war, hat eine Taschenlampe gehabt, die konnte man unter der Decke anschalten, da wurde es hell unter der Decke, so daß man alle Gegenstände genau sehen konnte, obwohl im Zimmer das große Licht aus war (ein strafbares Spiel, wohl weil man es in Sigmund Freuds Stadt nicht gern sah, wenn Bruder und Schwester kuschelten); hat Jules Verne auf dem Klo gelesen, wenn er in die Schule sollte, da gab’s Krach; hat mit seinen Freunden Winnetou und Old Shatterhand gespielt, da durfte ich höchstens als Winnetous Schwester, die Blume der Prärie, vor dem Zelt sitzen (nicht sehr ergiebig, aber besser als nichts); hat sich in Großvaters Garten als patriotischer Tscheche zu Ehren Masaryks geschlagen, gegen die Behauptung der gleichaltrigen Österreicher, Schuschnigg sei besser; hat ein Fahrrad gehabt, ich nicht; hatte tschechische Kinderbücher, die er tatsächlich lesen konnte (als er schon weg war, blätterte ich manchmal darin, wunderte mich über die kringeligen Akzente und staunte über Schorschis Geheimwissen); hat sich öfters über mich geärgert und gelegentlich mit mir gespielt.
Ja, und das ist schon alles. Das andere ist Hörensagen. Er war mein erstes Vorbild und wohl das einzige uneingeschränkte. So wie er wollte ich werden, soweit das ein Mädel halt konnte. Eines Tages war er weg.
Meine Mutter ging mit verweinten Augen herum und schimpfte auf ihren Verflossenen, »den Mendel«, der den Buben von den Ferien nicht hatte zurückkommen lassen. Ein Gericht in Prag hatte ihr das Sorgerecht genommen und es auf Schorschis Vater übertragen. Der Grund: die deutsche Erziehung, die diesem kleinen tschechischen Juden angeblich in Wien zuteil wurde. Meine Mutter: »Nach 1918 wurden die Juden tschechischer als König Wenzeslaus seinerzeit höchstpersönlich.« Der Nationalismus schlug den kleinen Jungen und das kleine Land wie eine der ägyptischen Plagen. Daß Schorschi in Großvaters Garten mit seinem Masaryk den richtigen Helden gehabt hatte gegen Schuschnigg, den umstrittenen Anschluß-Kanzler, freut mich zwar im nachhinein, ist aber reiner Zufall gewesen. Den Buben ging es bei ihrer Parteinahme einzig um die Bodenständigkeit, die sie zu besitzen glaubten.
Es war mein erster großer Verlust. Ich war fassungslos. Ich verlor nicht nur einen geliebten Verwandten, sondern auch eine Rolle: kleine Schwester. »Er kommt wieder«, trösteten die Eltern. »Man muß warten lernen.«
Wenn man lang genug wartet, dann kommt der Tod. Man muß fliehen lernen. Einmal in einer Wiese voll blühendem Löwenzahn hast du aus Spaß gesagt, »Susi schau, da sind Löwen, die wer’n uns beißen.« Da sind wir gelaufen, bis wir atemlos waren, und geschrien haben wir vor »Angst« und uns nachher gekugelt vor Lachen. Du, wir hätten gar nicht aufhören sollen zu rennen; dieses herrliche Spiel mit der Flucht vor Gefahr.
Meine Mutter, später, »Wenn du nicht gewesen wärst, hätt ich ihn ja gerettet. Ich konnt dich doch nicht allein in Wien lassen und ihn holen.« Aber was war denn ihr Plan? Worauf hat sie denn gewartet? Will sie seinen Tod auf mich abwälzen, meint sie, die Scheidung sei ein Fehler gewesen, und hat deshalb ein schlechtes Gewissen? Und doch, vielleicht stimmt es.