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Dass die Seele ein weites Land sein kann, ist spätestens seit Arthur Schnitzler kein besonders gut gehütetes Geheimnis mehr. Im Gegenteil. Zuweilen scheint es, als sei diese Erkenntnis so sehr ein Allgemeingut, dass sie schlicht banal geworden ist, nachzulesen in jeder Frauenzeitschrift und jedem x-beliebigen Männermagazin. Wie gut also, dass es da den Fußball gibt.
In den unzähligen Zeitschriften und den beliebigen Magazinen, in den trostlosen Talkshows und den unendlichen Vorabendserien werden nämlich die Art des Landes, die Ausmaße seiner vermeintlichen Weite, die topografische Oberflächenstruktur und vieles andere etwas zu bemüht im Vagen gelassen. Und vor allem wird so getan, als wäre dieses weite Land zugänglich für jedermann, der das möchte.
DIE HOHEN MAUERN DER SEELE
Das Gegenteil ist der Fall. Das weite Land der Seele ist von hohen Mauern umgeben. Nur wenige bekommen Eintrittskarten, und die müssen sich dann peinlichen Leibesvisitationen unterziehen, bevor sie die Sicherheitsschleusen und Drehkreuze passieren dürfen, um dann nichts anderes erleben zu müssen als eine Enttäuschung nach der anderen.
So ungefähr ließe sich Nick Hornbys Buch – „Roman“ klänge zu fiktiv, „Autobiografie“ zu schnöde – zusammenfassen. „Fever Pitch“, so heißt das Buch, nennt sich im Untertitel schlicht „Die Geschichte eines Fans“. Tatsächlich ist es ein Blick
ins weite Land, das sich in Hornbys Reisebeschreibungen quer durch ein Viertel-jahrhundert rasch als jene rechteckig abgesteckte Wiese herausstellt, die von steil ansteigenden Tribünen begrenzt ist, deren einziger Zweck es ist, die sie bevölkernden Menschen in jene Position zu bringen, in der sie der Welt, stur vor lauter Leidenschaft, den Rücken zukehren. Nicht nur einmal nennt Hornby seine Fußballleidenschaft, seine Fußballverrücktheit, seine Fußballbesessenheit „entwicklungshemmend“.
SPIEL ODER FREUNDIN
Und nicht nur einmal beschreibt er anschaulich die prekären Konsequenzen, wenn einem die Welt mit Nachdruck auf die Schulter klopft. So am 29. April 1978 beim an sich nicht sehr weltbewegenden Spiel zwischen Cambridge United und Exeter City, in dem es aber immerhin um den Aufstieg in die zweite englische Liga ging. Zwanzig Minuten vor Schluss –
Exeter erzielte eben das 1:0 – fiel Hornbys Freundin in Ohnmacht, und der verliebte Hornby, neben seiner Arsenal-Besessenheit mittlerweile auch ein besessener Cambridge-Supporter, stand solcherart vor einer sehr weltlichen Entscheidung – nämlich das Ende des entscheidenden Spiels anschauen oder mit der Freundin mit ins Krankenhaus fahren.
Nur wahre Fans werden verstehen, warum Hornby sie so traf, wie er sie getroffen hat.
Nick Hornbys Besessenheit, die er mit ziemlich frappierender Schärfe analysiert, dreht sich um Arsenal London, in das er sich im Jahr 1968 verliebte, „wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz zu verschwenden“.
SCHÖNSAUFEN
Nur Psychologen werden sich auf den Hinweis stürzen, dass die Eltern des elfjährigen Nick in jener Zeit in Scheidung lebten und die Matchbesuche mit dem Vater eine hervorragende Beziehungsbrücke zwischen den beiden waren.
Aber Hornby wäre weder ein Fan, noch ein Schriftsteller, würde er aus dieser Gegebenheit die Story flechten. Dazu ist das Thema zu komplex, und der Umstand, ein Arsenalfan zu sein, kompliziert die Sache zusätzlich, denn damals („Fever Pitch“ spielt in den Jahren von 1968 bis 1992) galten die Gunners nicht unbedingt als die edelsten Vertreter der ballesterischen Kunst. „Ich glaube, wir Arsenalfans wissen, tief in uns, dass der Fußball in Highbury nicht oft schön anzusehen war und dass daher unser Ruf als das langweiligste Team nicht so verblüffend ist wie wir vorgeben“, schreibt er an einer Stelle, um an anderer so fortzufahren: „Wir sind langweilig und haben nur Glück und sind schlecht und gereizt und reich und schäbig.“
Die erstaunliche Ehrlichkeit Hornbys hat etwas ungemein Tröstliches, jedenfalls für seine österreichischen Pendants. Denn so, wie Hornby seine Arsenal beschreibt, so lässt sich – seit vielen Jahren schon – der heimische Fußball insgesamt beschreiben; auch wenn man nicht vermeiden kann hinzuzufügen, dass Arsenal halt doch in der englischen Premier League spielt und „wir“ nicht, was „wir“ noch dazu gezwungen sind, im kommenden Juni ganz Europa vorzuführen.
Aber gerade in dieser – zugegeben etwas konstruierten Parallele zur austriakischen Ballesterei – erhält „Fever Pitch“ einen zauberhaften Nachklang. Es klingt dann ein bisschen wie die Geschichte vom hässlichen Entlein, das sich nicht nur in manchen Augenblicken, sondern vor allem in manchen Augen als ein wunderschöner Schwan zu entpuppen weiß. Der Wiener kennt die hübsche Ausrede behandlungsresistenter Alkoholiker, sie seien bloß dabei,
sich das Eheweib schönzusaufen. Fußballfan sein zu müssen – auch Hornby hat sich das ja nicht ausgesucht und litt durchaus darunter – gleicht dieser Ausrede in erschreckender Weise, nicht nur, was den Alkoholkonsum betrifft. Aber ganz unzweifelhaft steht hinter dem Ganzen eine starke, ein ganzes Leben überdauernde Liebe. Die schließt den einen oder anderen hellsichtigen Blick auf ihren Gegenstand nicht aus. Aber sie gibt einem die Gelassenheit, solche Blicke mit bewunderungswürdigem Gleichmut vorüberziehen zu lassen.
EIN ÖSTERREICHISCHES BUCH
Nick Hornby überstand sogar seine Initiation zum Supporter des Nationalteams: „Anfang der siebziger Jahre war ich ein echter Engländer geworden – sprich, ich hasste das englische Team … Ich fing an, mich zu winden, wenn ich Englandspiele im Fernsehen sah, und zu empfinden, was so viele von uns empfinden, nämlich dass ich nicht die geringste Beziehung zu dem hatte, was da ablief … Ist das überall so?“
Vielleicht nicht überall. Aber zweifellos in Österreich, wo man auch das nachempfinden kann: „Ein Teil dieser Verachtung mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass wir zu viele Spieler haben, die alle von kaum variierender, zweifelhafter Begabung sind.“
Nick Hornbys „Fever Pitch“ ist also, so viel sollte klar geworden sein, auch ein sehr österreichisches Buch. Aber nicht nur deshalb geeignet, hierzulande unter die Leute gebracht zu werden.
Wolfgang Weisgram, Schriftsteller