Wendelin Schmidt-Dengler
„Was Ringelblumen bedeuten“

Armut, soziale Diskriminierung, Leiden an Körper und Seele, Vergewaltigung, unheilbare Milieuschäden, Inzest – diese Themen kennen wir alle in naturalistischer Zurichtung von Émile Zola über Gerhart Hauptmann bis zu Franz Xaver Kroetz. Von diesen Themen handelt auch Toni Morrisons Buch „Sehr blaue Augen“; auch fehlt es nicht an der Drastik, die das Werk der genannten Autoren auszeichnet. Doch es kommt – und das hat die Autorin selbst betont – auf die Methode des Erzählens an, denn der Brisanz dieses Themas kann nur ein sorgfältig bedachtes Vorgehen gerecht werden.

Das Buch beginnt wie eine einfache Entwicklungsgeschichte im Milieu der Schwarzen in dem kleinen Ort Lorain in Ohio, knapp vor dem Eintritt der USA in den Krieg, 1941; es ist die Geschichte der kleinen Pecola Breedlove, die zunächst aus der Perspektive einer schwarzen Freundin, Claudia McTeer, erzählt wird; die hat es mit ihrer Familie offenkundig doch ein wenig besser getroffen: In ihrem Haus wird Pecola zeitweilig untergebracht, da die Familie ihres Vaters Charles (Cholly) Breedlove delogiert wird. Pecola wird von ihrem Vater vergewaltigt, das Baby stirbt. Der Vater kommt ins Arbeitshaus, wo er auch später stirbt, die Mutter Pauline arbeitet weiter bei wohlhabenden Weißen, Pecolas Bruder Sammy ist auf und davon, und Pecola, das Opfer, wirkt völlig verstört. Damit ist die – deprimierende – Handlung umrissen, die aber von der Qualität des Ganzen keine Vorstellung vermittelt.

Zunächst einmal kümmert sich Morrison keinen Deut um die Beibehaltung der Erzählperspektive. Zwar wird Claudia immer wieder als Erzählinstanz aufgerufen, aber in Vor- und Rückgriffen erfahren wir das, was wir über die Geschichte der Breedloves wissen müssen und wovon Claudia keine Ahnung haben kann. Was sich wie eine sehr individuelle, auf eine Person bezogene Erzählung anlässt, wächst sich zu einer Geschichte jener aus, die ohne Sprache sind und die daher auch keine Geschichte haben: der pauperisierten, der marginalisierten Schwarzen, vor allem der Frauen, die von dieser Situation besonders schwer betroffen sind. Darin liegt auch das ästhetische Problem des Buches: von jenen zu berichten, von denen es dem allgemeinen Urteil nach nichts zu berichten gibt, die passiv sind und keine Taten gesetzt haben. Man meint, dass Erzählen immer bedeute, von etwas Besonderem zu berichten, von einem einmaligen, besser noch von einem unerhörten Ereignis. Dass in der Tat das Unerhörte das eben nicht Gehörte ist, ist eine Tatsache, die sich den Schreibenden erst allmählich erschloss. In seinem Buch „Wunschloses Unglück“ (1972) erzählt Peter Handke von dem Leben und dem Selbstmord seiner Mutter; auch ihm geht es darum, die nach einer Veröffentlichung schreienden Tatsachen zur Sprache zu bringen. Toni Morissons Roman und Handkes Bericht sind singuläre Texte, denn in ihnen wird beispielhaft vorgeführt, wie dringlich es ist, von denen zu erzählen, von denen die Annalen der Historiker schweigen, von den Opfern, von denen, deren Leben nicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zog. Die Sprache der Wissenschaft reicht nicht heran an die Komplexität dieser Lebensläufe, die so nichtssagend sind, dass sie nicht der Rede wert zu sein scheinen.

Die Alltagssprache hat vorgesorgt, um die Lebensläufe, das Leben in der Familie, die Arbeitswelt, ja auch die Natur in feste Formeln zu bannen. In der Schule lernen wir solche gestanzten Sätze, die diesem „ordentlichen Lebenslaufschema“ (Handke) entsprechen sollen. Toni Morrison verwendet sie auch für die Einleitung der einzelnen Kapitel; das sind Sätze aus einem Lehrbuch für Kinder, wie sie lange hüben und drüben des Ozeans in Gebrauch waren. In den USA waren sie damals für weiße Kinder gedacht. Im Zusammenhang mit Pecolas Geschichte erhalten sie allerdings einen bitteren ironischen Akzent: „Da ist Vater. Er ist groß und stark. Vater, willst du mit Jane spielen? Vater lächelt. Lächle, Vater, lächle.“ Aber bedrohlich für die Kinder ist nicht nur diese in den Sätzen vorgeführte Modellwelt; es ist auch die Welt Hollywoods, der Pecolas Mutter Pauline erlegen ist. Da wir zu Beginn mit dem Denken und Fühlen Claudias vertraut gemacht werden, erfahren wir, wie traumatisierend sich dieses Leitbild aus dem falschen Glanz der Filme auf das Kind auswirkt. Shirley Temple muss als das große Idol herhalten, und Claudia beginnt dieses weiße Wunderkind zu hassen; doch als sie imstande ist, sich mit diesem zu identifizieren, wandelt sich der Hass in Bewunderung. Dem steht die beklemmende Hilflosigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper gegenüber: An diesem werden nur Defizite geortet. In einer Welt, in der es keine Ideale mehr geben kann, ist Platz für Surrogate. Die Schönheit einer Ginger Rogers, einer Jean Harlow oder einer Greta Garbo zu erreichen, wird zum Glücksimperativ, aus dem sich Pecolas verhängnisvoller Wunsch nach „Sehr blauen Augen“ („The Bluest Eye“) ableiten lässt. Der Titel verrät das Zentralmotiv des Buches.

Pecola will schöne blaue Augen haben; sie wird von diesem Wunsch besessen. Das ganze Buch lässt sich als ein „Augenspiel“ fassen. Immer wieder wird auf die Augen der einzelnen Protagonisten eingegangen; so als ob andere Augen auch etwas an den objektiv gegebenen Tatsachen zu ändern vermöchten. Maureen Peal, ein liebenswürdiges schwarzes Mädchen mit schönen grünen Augen, wird zur gehassten und zugleich bewunderten Freundin Claudias. Das Verhängnis stellt sich so richtig erst ein, da Pecola meint, wirklich schöne tiefblaue Augen bekommen zu können. Die Geschichte jenes Mannes, der vorgibt, Pecolas Augen blau machen zu können, gehört zu jenen Exkursen, die den Erzählraum des Romans ins Globale ausweiten: Mica Elihue Whitcomb, zu dessen Vorfahren Weiße und Chinesen gehören, hat sich als Priester und Seelenheiler in Lorain niedergelassen, ein böser Menschenfeind, dem der kennzeichnende Spitzname „Seifkopfpastor“ verpasst wurde. Er gibt Pecola vergiftetes Fleisch und verspricht ihr, sie würde die blauen Augen bekommen, wenn der vor dem Hause liegende Hund sich seltsam verhalten würde. Pecola verfüttert arglos das Fleisch an den Hund, der unter Qualen stirbt. Das ist der negative Höhepunkt in der Pecola-Handlung, und in dieser Szene trifft sich wie in einem Brennpunkt alles, was ihre Lage so verzweifelt erscheinen lässt: Ihr Verlangen, diese zu verändern und die Initiative zu ergreifen, hat fatale Konsequenzen. Der falsche Pastor hat das Vertrauen des Mädchens in die Religion schmählich ausgenützt und damit nichts anderes getan, als seine Verzweiflung an Gott zur bösen Tat umzumünzen.

Eine der großen Leistungen des Buches liegt darin, dass man bei der Lektüre nicht auf Distanz zu den Figuren geht, sondern durch die Kunst der Erzählerin zu einer fein dosierten Empathie geführt wird. Das gilt zunächst für die Huren, die über der Ladenwohnung der Breedloves wohnen und die auf den Namen China, Poland and Miss Marie hören und die für komische Einschlüsse sorgen. Denn auch damit arbeitet die Autorin. Das passt zum Grundtenor des Buches, dessen Moral gerade darin besteht, dass nicht explizit moralisiert wird.

Vor allem aber wird diese Empathie bei zwei Figuren bemerkbar, die offenkundig unverbesserlich zu sein scheinen: Zunächst bei dem „Seifkopfpastor“, von dem zuvor die Rede war, vor allem aber bei Cholly Breedlove, der seine Tochter vergewaltigt hat. Ihm und seiner Frau Pauline sind zwei Exkurse gewidmet, die nicht an die Perspektive Claudias gebunden sind. Nichts wäre leichter, als Cholly zu verurteilen, aber sein Tun und Lassen wird nicht platt verurteilt, auch wird die Schuld nicht an eine anonyme Gesellschaft weitergegeben: Er scheint vielmehr nach dem Tod seiner Großtante Jimmy, die ihn aufgezogen hat, zu einer Freiheit verdammt, die für ihn zur Gefahr wird. Seine Vatersuche endet in einem Desaster; der Vater, von dem er sich Anerkennung und Halt erhofft, ist ein Trunkenbold. Selbst die Tat des Inzests erscheint so unter einem Vorzeichen, das diese auch als eine Tat der Liebe deuten lässt.

Die Erzählstrategie hat es darauf abgesehen, dass sich beim Lesen eine gewisse Intimität mit den einzelnen Figuren einstellt. Das darf nicht mit der höchst problematischen Identifikation verwechselt werden, mit der uns kitschige Texte in die Haut der Heldinnen und Helden schlüpfen lassen. Deutlich ist die Kluft markiert, die uns davon trennen soll. Dies gilt auch für Pauline, die in ihrem Handeln so von jenen Idolen bestimmt ist, dass sie ihr eigenes Kind als hässlich empfinden muss. Sie behandelt das Kind ihrer weißen Herrin so, als ob es ihr eigenes wäre. Sie muss das Gefühl haben, von einer Macht abhängig zu sein, auch beim Sexualakt; nur so kann sie verspüren, selbst Macht zu haben und begehrenswert zu sein.

Doch zurück zu der Erzählfigur Claudia McTeer: Durch sie erhalten die Vorkommnisse ihren Rahmen in der Geschichte der Schwarzen Amerikas, aber auch in der Natur-Geschichte des Landes. In dem Jahr, da Pecola Mutter wurde und das Baby starb, in diesem Jahr blühten auch die Ringelblumen nicht. Es scheint am Ende, als würde Claudia resignieren: Sie und ihre Schwester säen nochmals den Samen der Ringelblumen aus und hoffen: Wenn diese aufgingen, würden sie wissen, „dass alles in Ordnung ist“. Was mit den Schwarzen in Amerika geschah, erhält – zumindest in Claudias Worten – eine -Parallele in dem Aufgehen der Ringelblumen: „Dieser Boden ist schlecht für gewisse Blumensorten. Gewisse Samen ernährt er nicht, gewisse Frucht will er nicht tragen, und wenn der Boden aus eigenem Willen tötet, nehmen wir es hin und sagen, das Opfer habe kein Recht auf Leben gehabt.“ Der Boden darf nicht aus „eigenem Willen töten“; wir sollten diese Worte weiterdenken und alles daransetzen, den Boden zu ändern.

Das Buch, das Toni Morrison vor rund dreißig Jahren bekannt machte, hat nichts von seiner Brisanz verloren; es geht um die Schwarzen, im Besonderen um die schwarzen Frauen in den USA im zwanzigsten Jahrhundert. Wir brauchen nur geringfügig die Vorzeichen zu ändern, und das Buch ist für das Europa des einundzwanzigsten Jahrhunderts gültig. Auch unser Boden bedarf der Prüfung.

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