Gewiss kennt jeder das Gefühl, nicht gemocht oder gar abgelehnt zu werden, sei es im Augenblick oder für lange Zeit. Man mag es nur als ärgerlich empfinden; man kann auch tief verletzt sein. Vielleicht wissen manche von uns auch, wie es ist, gehasst zu werden – gehasst für etwas, das sich unserem Einfluss entzieht, das wir nicht ändern können. Wenn so etwas geschieht, ist es ein gewisser Trost, zu wissen, dass die Ablehnung oder der Hass unberechtigt sind – dass man dergleichen nicht verdient hat. Und wenn man über ein gefestigtes Gefühlsleben und/oder Rückhalt bei der Familie und den Freunden verfügt, bleibt der Schaden gering oder lässt sich ungeschehen machen. Wir halten so etwas für eine Last (erträglich oder auch lähmend), wie sie untrennbar zum menschlichen Leben gehört.
Als ich mit der Niederschrift von „Sehr blaue Augen“ begann, interessierte mich etwas anderes: nicht der Widerstand gegen die Verachtung, die man von anderen erfährt, sondern die weitaus tragischeren und lähmenderen Folgen, die es hat, wenn man die Ablehnung als berechtigt, als etwas Selbstverständliches akzeptiert. Ich wusste, dass sich manche Opfer eines ausgeprägten Selbsthasses als gefährlich, als gewalttätig erweisen und den Feind, der sie wieder und wieder gedemütigt hat, in sich selbst auferstehen lassen. Andere geben sich selbst auf und ordnen sich einem größeren Gefüge unter, das ihnen die Maske der starken Persönlichkeit leiht, die ihnen selbst fehlt. Die meisten freilich lassen ihr Handicap irgendwann hinter sich. Doch immer gibt es einige, die stumm und namenlos darunter zusammenbrechen, ohne eine Stimme, die ihrem Leid Ausdruck und Beachtung verschaffte. Sie sind unsichtbar. Wie leicht, wie schnell kann die Selbstachtung bei Kindern zugrunde gehen, deren Ich den aufrechten Gang noch nicht erlernt hat. Kommen zur Verletzlichkeit der Jugend noch gleichgültige Eltern, abweisende Erwachsene und eine Welt hinzu, die mit ihrer Sprache, ihren Gesetzen und ihren Bildern die Verzweiflung nur verstärkt, so ist der Weg in den Abgrund vorgezeichnet.
Die Absicht dieses Buches – meines ersten – war es also, in ein Leben einzudringen, bei dem es aufgrund von Jugend, Geschlecht und Rasse am unwahrscheinlichsten war, dass es diesen zerstörerischen Kräften widerstand. Als düsterer Bericht über einen Seelenmord begonnen, konnte der Roman seine Hauptfigur, die durch ihre Passivität zu einer erzählerischen Leerstelle zu werden drohte, nicht unbegleitet lassen. So erfand ich Freundinnen und Klassenkameradinnen, die die Not des Mädchens verstanden, sogar mit ihm mitfühlten, aber selbst das Glück verständnisvoller Eltern und einer robusten psychischen Konstitution hatten. Doch auch sie erwiesen sich als hilflos. Sie konnten ihre Freundin nicht vor der Welt retten. Sie zerbrach.
Ursprung des Romans war ein Gespräch, das ich in der Kindheit mit einer Freundin geführt hatte. Wir waren gerade erst in die Grundschule gekommen. Sie sagte damals, dass sie gern blaue Augen hätte. Ich sah mich um und versuchte, mir vorzustellen, wie sie bei Erfüllung ihres Wunsches aussähe, aber das Bild, das mir dabei vor Augen trat, stieß mich heftig ab. Ihre kummervolle Stimme schien um Mitgefühl zu betteln, und ich versuchte, es ihr zu geben, aber in Wahrheit war ich angesichts der Entweihung, die ihr vorschwebte, so bestürzt, dass ich wütend auf sie wurde.
Bis zu diesem Augenblick hatte ich Menschen als hübsch, als reizvoll, als nett, als hässlich wahrgenommen, und obwohl mir das Wort „schön“ sicher nicht fremd war, hatte ich es doch nie als einen Schock erlebt – einen Schock, der von dem Wissen begleitet wurde, dass niemand sonst diese Schönheit erkannte, am wenigsten diejenige, die sie besaß.
Es musste an mehr gelegen haben als an dem Gesicht, das ich betrachtete: an der Stille der Straße am frühen Nachmittag, am Licht, an dem Gefühl, einem Bekenntnis beigewohnt zu haben. Auf jeden Fall war es das erste Mal, dass ich begriff, was „schön“ bedeutete. Dass ich mir selbst ein Bild davon gemacht hatte. Schönheit war nicht einfach etwas, das man betrachtete. Schönheit war eine Frage des Verhaltens.
„Sehr blaue Augen“ war mein Versuch, etwas darüber zu sagen. Davon zu sprechen, warum sie selbst kein Bewusstsein dessen hatte – und vielleicht niemals haben würde –, was ihr geschenkt worden war und warum sie um eine so radikale Veränderung flehte. Was in ihrem Wunsch verborgen lag, war ethnischer Selbsthass. Und noch zwei Jahrzehnte später fragte ich mich, wie man dazu kommt. Wer hatte ihn ihr eingeredet? Wer hatte ihr das Gefühl gegeben, es wäre besser, als eine Missgeburt herumzulaufen statt als der Mensch, der sie war? Wer hatte sie angeblickt und so mangelhaft gefunden, ein solches Leichtgewicht auf der Waage der Schönheit? Es ist dieser Blick, der sie verurteilt hat, gegen den der Roman seine Stimme erhebt.
Die Rückbesinnung auf ein afroamerikanisches Schönheitsideal in den sechziger Jahren intensivierte diese Überlegungen, ließ mich darüber nachdenken, warum eine solche Besinnung überhaupt nötig war. Warum konnte diese Schönheit, wenn auch von anderen geschmäht, nicht innerhalb der Gemeinschaft als etwas Selbstverständliches gelten?
Warum musste sie so unablässig öffentlich behauptet werden, um zu existieren? Diese Fragen mögen nicht sehr intelligent wirken, aber 1962, als ich mit der Erzählung begann, und 1965, als sie allmählich Buchgestalt annahm, erschienen mir die Antworten nicht so offensichtlich, wie sie es bald wurden und noch heute sind. Das Beharren auf einer spezifischen Schönheit der Rasse war keineswegs die Reaktion auf selbstironische, witzelnde Kritik an kulturellen Eigenheiten, wie sie jede gesellschaftliche Gruppe kennt. Sie richtete sich vielmehr gegen die fatale Verinnerlichung der unterstellten, unveränderlichen Minderwertigkeit, die ein Blick von außen projizierte. Daher konzentrierte ich mich darauf, wie etwas so Groteskes wie die Dämonisierung einer ganzen Rasse im unschuldigsten Mitglied einer Gesellschaft – einem Kind – und im verletzlichsten Mitglied einer Gesellschaft – einem weiblichen Wesen – Wurzeln schlagen konnte. Bei einem Versuch, die Verheerungen zu zeigen, die selbst beiläufige Formen der Missachtung aus rassischen Gründen anrichten können, entschied ich mich nicht für ein repräsentatives, sondern für ein singuläres Beispiel. Das Extreme an Pecolas Fall gründet überwiegend in zerstörten und zerstörerischen Familienverhältnissen, die ganz anders sind als bei einer afroamerikanischen Durchschnittsfamilie oder bei der Erzählerin. Doch bei aller Einzigartigkeit von Pecolas Schicksal war ich davon überzeugt, dass etliche Aspekte ihrer Verwundbarkeit bei allen jungen Mädchen zu finden sind. Meine Erkundung der gesellschaftlichen wie der häuslichen Aggression, an der ein Kind buchstäblich zerbrechen kann, konfrontiert die Hauptfigur mit einer Reihe von Demütigungen, die teils alltäglich, teils außergewöhnlich und zum Teil monströs sind, wobei ich stets darauf bedacht war, jede Komplizenschaft mit dem Prozess der Dämonisierung, dem Pecola unterworfen wird, zu vermeiden. Mit anderen Worten: Ich wollte die Figuren, die Pecola zum Abschaum erklären und zu ihrem Zusammenbruch beitragen, nicht zu bloßen Funktionsträgern entmenschlichen.
Ein Problem rückte dabei immer mehr ins Zentrum: Das schiere Gewicht des Romans, der eine so zarte Seele zu erforschen versucht, drohte die Hauptfigur zu erdrücken und den Lesern eine bequeme Ausflucht ins Mitleid zu eröffnen, statt sie zu einer Reflexion ihrer eigenen Rolle zu zwingen. Meine Lösung – die Erzählung in Fragmente aufzubrechen, die der Leser selbst zusammensetzen musste – schien mir damals eine gute Idee zu sein, deren Ausführung mich heute jedoch nicht mehr überzeugt. Außerdem erfüllte sie ihren Zweck nicht: Viele Leser lassen sich zwar berühren, aber nicht motivieren.
Das andere Problem war natürlich die Sprache. Den verächtlichen Blick durchzuhalten und ihn gleichzeitig zu unterlaufen, erwies sich als schwierig. Der Roman versuchte, den Nerv des ethnischen Selbsthasses zu treffen, ihn freizulegen und den Schmerz nicht mit Betäubungsmitteln, sondern mit einer Sprache zu lindern, die es an bewegender Kraft mit meinen Empfindungen bei jener ersten Erfahrung von Schönheit aufnehmen konnte. Weil jener Augenblick so stark von unserer ethnischen Zugehörigkeit bestimmt war (mein Abscheu angesichts der Sehnsucht meiner Mitschülerin, zu ihrer sehr schwarzen Haut sehr blaue Augen zu haben; die Wunde, die sie meiner Vorstellung von Schönheit damit zufügte), kam es auf Authentizität an. Meine Wahl der Ebenen (Ansprache, Sprechsprache, Umgangston), mein Rückgriff auf Sprechweisen, die tief in der schwarzen Kultur verwurzelt sind, mein Bemühen um unmittelbare, intime Einbeziehung des Lesers ohne umständliche, Distanz schaffende Erklärungen und mein Versuch, eine Verschwörung des Schweigens darzustellen und gleichzeitig zu durchbrechen, zielten alle darauf ab, dem Reichtum und der Vielfalt der afroamerikanischen Überlieferung eine Stimme zu verleihen, die ihrer würdig ist.
Denke ich heute an meine Probleme bei der Suche nach einer wahrhaftigen Sprache zurück, so bin ich erstaunt, wie wenig sich in dieser Hinsicht verändert hat. Wenn ich höre, wie in „zivilisierter“ Rede Menschen erniedrigt werden, wenn ich sehe, wie kulturelle Austreibungsrituale die Literatur verarmen lassen, wenn ich meinesgleichen eingeschlossen finde im Bernstein abwertender Metaphern – dann wird mir klar, dass mein Erzählprojekt heute nicht weniger schwierig ist als vor dreißig Jahren.
(Deutsch von Thomas Piltz)