
„Eine STADT. Ein BUCH.“ geht heuer bereits ins vierte Jahr. Es ist mir eine Ehre und Freude, Ihnen diesmal einen weltberühmten Schriftsteller vorstellen zu dürfen, dessen Karriere in Wien ihren Ausgangspunkt genommen hat. Der Amerikaner John Irving, Oscarpreisträger und internationaler Bestsellerautor, lebte 1964 als Stipendiat in Wien und schrieb hier seinen ersten Roman, „Laßt die Bären los!“ Und dieser Roman, den Sie jetzt in Händen halten, spielt zum größten Teil in Wien.
„Laßt die Bären los!“ ist ein Schelmenroman. Irving erzählt uns die Geschichte zweier mäßig erfolgreicher -Studenten an der Uni Wien, die sich auf ein Motorrad schwingen, um aufs Land zu fahren und die Gegend unsicher zu machen. Einer von ihnen, Siggi Javotnik, zeichnet sich dadurch aus, dass er eine große Liebe zu Tieren pflegt. Und die macht ihm – wie wir im Roman sehen können – immer wieder Schwierigkeiten. Beim Versuch, den Freund aus der Geiselhaft der Waidhofener zu befreien, kommt er schließlich bei einem skurrilen Unfall mit Bienenstöcken ums Leben. Schon im ersten literarischen Werk von John Irving sind Komik und Tragik ein Geschwisterpaar. Der Auftrag des Toten – oder besser gesagt: seine fixe Idee, die Tiere des Schönbrunner Zoos zu befreien – wird dann vom Freund und Erzähler ausgeführt. Was dabei geschieht, werden Sie mit Vergnügen selber lesen. Doch im Mittelteil des Romans bekommen wir durch die von Siggi aufgezeichnete Lebensgeschichte seiner Vorfahren einen überraschend genauen Exkurs in die österreichische Zeitgeschichte. Konkret geht es dabei um die letzten Tage und Stunden vor dem Anschluss in Wien, bei dem – nach Irving – ein Mann in einem seltsamen Vogelkostüm als leibhaftiger österreichischer Wappenadler verzweifelt versucht, das Unvermeidbare doch noch zu verhindern. Erstaunlich, dass sich ein damals noch blutjunger amerikanischer Autor so eindringlich mit der österreichischen Geschichte beschäftigt hat.
John Irvings „Laßt die Bären los!“ ist aber auch so etwas wie eine Fortsetzung der bisherigen Bücher der Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ Im ersten Jahr konnten wir mit Frederic Mortons „Ewigkeitsgasse“ die Geschichte einer jüdischen Familie von der Monarchie bis zum Anschluss lesen. Im zweiten Jahr erfuhren wir in „Schritt für Schritt“ von Imre Kertész von den tragischen KZ-Erfahrungen eines Kindes. Im dritten Jahr erzählte uns der Wiener Bestsellerautor Johannes Mario Simmel mit „Das geheime Brot“ von der Not und Hoffnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit John Irving sind wir in den 60er Jahren – konkret schreiben wir das Jahr 1967 – angelangt, ohne die tragische Vergangenheit der Stadt, die NS-Zeit, gänzlich zu verlassen.
John Irving hat auch in vielen seiner – berühmt gewordenen – späteren Romane immer wieder Wien beschrieben und zum Schauplatz seiner Erzählungen gemacht. Wie Irving-Fans wissen, auch das abgründige Wien, ein Wien, das auch viele Bewohner der Stadt nicht kennen. Der erste Roman eines Autors ist aber immer etwas Besonderes. – Und Irvings Erstling ist schon genauso komplex wie seine Folgeromane. Deshalb ist es besonders erfreulich, dass jetzt 100.000 Wienerinnen und Wiener die Gelegenheit haben werden, Irvings Debüt zu lesen.
Wir setzen mit unserer Gratisbuchaktion „ Eine STADT. Ein BUCH.“ wieder ein starkes Zeichen, dass Wien Stadt des Buches, des Wortes war und ist. Und auch, dass wir uns nicht scheuen, literarisch anspruchsvollste Texte einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Denn wir sind überzeugt, dass Lesen für die Kultur und allgemein für das gesellschaftliche Klima einer Stadt ungemein wichtig ist.
Ich freue mich, dass dieses Buch den Weg zu Ihnen gefunden hat, und wünsche Ihnen eine spannende, heitere, nachdenkliche und aufbauende Lektüre.
Dr. Michael Häupl
Wiener Bürgermeister und Landeshauptmann